Freiburger AfD-Mitglied diffamiert den Begriff Homophobie als „Kampfbegriff“

Hans-Georg Deggau aus Freiburg, Schriftführer des AfD-Kreisverband Freiburg, hat am 10. November 2014 auf dem Blog der AfD Baden-Württemberg einen Beitrag mit dem Titel „Eine Anmerkung zum Kampfbegriff ‚Homophobie‘“ veröffentlicht.

Zunächst betont Deggau offen seine Ignoranz gegenüber der Situation von Homosexuellen:

„Eines vorweg: mir ist die sexuelle Orientierung meiner Zeitgenossen gleichgültig. Sie ist ausschließlich ihre Sache. Deshalb war die Abschaffung der Strafbarkeit der Homosexualität richtig. Etwas anderes ist aber die Durchsetzung von Interessen unter dem denunzierenden Kampfbegriff der „Homophobie“. Mit ihm soll jeder mögliche Kritiker oder Gegner psychiatrisiert und so ins Abseits gestellt werden.“

Diese es-interessiert-mich-nicht-Einstellung geht aber schnell verloren, wenn Minderheiten sichtbar werden und ihre Teilhabe in der Öffentlichkeit einfordern. Dann geht die ‚großmütig‘ zugestandene Akzeptanz schnell verloren. So auch bei Deggau.
Deggau kritisiert den Begriff Homophobie, indem er versucht nachzuweisen, dass Phobie von seiner etymologischen (ursprünglichen) Bedeutung falsch eingesetzt wurde, da „Phobie“ soviel wie Angst, aber auch Abneigung heißt. Deggau begreift aber hier offensichtlich nicht den Charakter von Sprache, in der sich Begriffe von ihrer Bedeutung verändern können. Homophobie bezeichnet nun einmal heutzutage die Abwertung und Anfeindung von als homosexuell identifizierten Menschen, wozu auch die Nichtanerkennung und Gegnerschaft zu einer Gleichbehandlung gehört. Die Kritik an der ursprünglichen Bedeutung eines Wortbestandteils ist damit nur ein Nebenschlachtfeld, was offenbar davon ablenken soll, dass Homophobie sehr wohl existiert. Das geht hin bis zum Mord, individuell oder staatlich ausgeführt (Iran, Saudi-Arabien etc.).
Interessanterweise wird der Begriff Homophobie vor allem von Homophoben in West- und Mitteleuropa abgelehnt, in Osteuropa aber z.B. kaum, obwohl die Gegnerschaft zu einer Gleichbehandlung sich sowohl in Ost- als auch in Westeuropa findet.
Aus seinen etymologischen Kurzschlüssen kommt Deggau zu dem Schluss:

„Von Homophobie kann also schon faktisch keine Rede sein.“ Für ihn ist der Begriff nur „ein ideologisches Schlagwort, das zur politisch korrekten Rede gehört, um jede Nachfrage schon im Keim zu ersticken – ein „Totschlagargument“, dem der Charakter eines Argumentes ganz fehlt, und das man gerne benutzt, um mögliche Gegner schon im vorab zu disqualifizieren.“

Deggau outet sich als Gegner einer Gleichstellung und führt Fortschritte in diesem Bereich auf vier Punkte zurück:
1. Laut Deggau handelt es „sich bei den Betroffenen um eine verschwindend kleine Gruppe der Bevölkerung“. Nun gehen Wissenschaftler_innen aber von 5-10% der Bevölkerung aus, die nicht heterosexuell orientiert sind. Darüber hinaus hat diese, doch recht große Minderheit heterosexuelle Bekannte und Verwandte, die sie in ihrem Anliegen unterstützen.
Deggau beklagt sich, dass die Gleichstellung Homosexueller ein Symbol dafür wäre, dass der „biologische Untergang“ der Gesellschaft drohe. Nur Ignorant_innen wie Deggau sehen gleichgeschlechtliche Beziehungen als per se kinderlos an. Lesbische Paare können mit Hilfe von Samenspenden Kinder bekommen und schwule Paare könnten bei einer Gleichstellung Kinder adoptieren, so wie das unfruchtbare, heterosexuelle Paare mit Kinderwunsch auch tun.
2. Deggau beklagt einen „Gleichheitswahn“, offensichtlich ist Gleichheit für ihn etwas Negatives:

„Das harmoniert mit ihrem Gleichheitswahn. Der Grundsatz der Gleichheit bedeutete die formale Gleichheit vor dem Gesetz, so dass Gleiches gleich, Ungleiches ungleich zu behandeln war. Was aber ist gleich, was ungleich? Ein Mann-Frau-Paar ist die natürliche Voraussetzung der Reproduktion der Menschheit.“

Wie oben aufgezeigt, könn(t)en auch andere Paar-Konstellationen ihren Kinderwunsch verwirklichen. Deggau würde vermutlich im Traum nicht darüber nachdenken, heterosexuelle Paare mit Adoptivkindern zu benachteiligen.
3. Deggau beklagt in typisch kulturpessimistischer Manier den „besinnungslose[n] Individualismus unserer Tage“. Er bedauert, „dass die Nicht-Fortpflanzung zum allgemeinen Prinzip der Lebensführung erhoben“ worden sei. Da die Bevölkerung der Welt steigt, meint er offenbar Europa oder Deutschland. Es ist indirekt die Klage, dass Frauen* nicht mehr genügend Kinder gebären fürs Vater- oder Abendland.
4. Deggau beklagt die „sprachlichen Folgen“, „denn wenn gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern (!?) zur Familie erklärt werden, ist das katastrophal: die Familie war in den westlichen Gesellschaften die vorgesehene Form und der privilegierte Ort der menschlichen Fortpflanzung.“
So ein kalter, technischer Blick auf Familie als „Ort der menschlichen Fortpflanzung“ ist üblicherweise Verbunden mit der Forderung an die Frauen* Kinder zu gebären.

Fazit: Ein (mutmaßlich) heterosexueller Mann beklagt das die Gleichstellung von Homosexualität Ausdruck einer Zerstörung der Familie sei und ein Symptom dafür, dass die Familie als „Ort der Reproduktion der Nachkommen“ verloren gehe. Personen wie Deggau, die das ‚mutig‘ aufzeigen, würden „mit Begriffen wie „Homophobie“ (und anderen „Phobien“) zu Gegnern, ja zu Feinden gemacht.“
Schlussendlich ist Deggau natürlich mit seiner Nichtakzeptanz der Gleichstellung selber in gewisser Weise homophob.